Schmerz ist keine Diagnose — warum dein Befund nicht erklärt, was du spürst

Was Schmerz eigentlich ist

Schmerz gilt im Alltag als Messwert für Schaden. Diese Vorstellung ist verständlich und in der Akutsituation oft brauchbar — bei anhaltenden Beschwerden führt sie regelmäßig in die Irre. In deinem Gewebe sitzen freie Nervenendigungen, die potenziell gefährliche Reize melden. Diese Meldung wird bereits im Rückenmark verrechnet, verstärkt oder gedämpft, und erst im Gehirn zu dem bewertet, was du als Schmerz erlebst. Schmerz ist damit die Ausgabe eines Systems, nicht der Eingang. Das ist der Grund, warum Menschen mit erheblicher Verletzung im entscheidenden Moment nichts spüren können — und warum andere massive Schmerzen haben, ohne dass sich ein passender Schaden finden lässt.

Was ein MRT-Befund wirklich aussagt

Eine große Übersichtsarbeit hat zusammengetragen, welche Veränderungen sich bei Menschen ohne jede Rückenbeschwerde finden. Bei den Zwanzigjährigen zeigte gut ein Drittel eine Bandscheibendegeneration, bei den Achtzigjährigen fast alle. Vorwölbungen waren ähnlich verbreitet. An der Schulter ist das Bild vergleichbar: Risse in der Rotatorenmanschette nehmen mit dem Alter stark zu, und ein erheblicher Teil davon verursacht keinerlei Beschwerden. Gleichzeitig wäre es falsch, daraus zu schließen, Bildbefunde bedeuteten nichts. Dieselbe Forschungsgruppe hat gezeigt, dass mehrere dieser Veränderungen bei Menschen mit Rückenschmerzen häufiger vorkommen. Ein Befund verschiebt also eine Wahrscheinlichkeit — er erklärt aber nicht den einzelnen Menschen.

Warum frühe Bildgebung dem Verlauf schaden kann

In einer Auswertung mit über vierhunderttausend Personen wurden Menschen mit unspezifischem Rückenschmerz verglichen, die in den ersten sechs Wochen ein MRT erhielten, mit solchen, die keines erhielten. Die frühe Bildgebung ging mit deutlich mehr Operationen, mehr Opioidverordnungen, höheren Kosten und sogar minimal höheren Schmerzwerten nach einem Jahr einher. Es handelt sich um Beobachtungsdaten, ein Ursache-Wirkungs-Beweis ist das nicht. Der Befund passt jedoch zu weiteren Untersuchungen und zu der einheitlichen Leitlinienempfehlung, bei unspezifischem Rückenschmerz ohne Warnzeichen in den ersten Wochen auf Bildgebung zu verzichten.

Warum Schonung selten hilft — und wo sie richtig ist

Der Vergleich zwischen dem Rat, sich hinzulegen, und dem Rat, in Bewegung zu bleiben, fällt zugunsten der Bewegung aus, allerdings mit kleinen Unterschieden. Der eigentliche Schaden entsteht nicht in den ersten Tagen, sondern über Monate: Muskulatur verliert Querschnitt, Sehnen verlieren Belastungsverträglichkeit, und ein Kreislauf aus Schmerz, Angst, Vermeidung und sinkender Kapazität setzt sich in Gang. Klar abzugrenzen sind Situationen, in denen keine Trainingsentscheidung ansteht: frische Verletzungen mit klarem Mechanismus, deutliche Entzündungszeichen mit Fieber und insbesondere Warnzeichen wie Taubheit im Reithosenbereich, Blasen- oder Darmstörungen, beidseitiger Kraftverlust, ungewollter Gewichtsverlust, nächtlicher Ruheschmerz oder eine Krebserkrankung in der Vorgeschichte. Diese gehören umgehend ärztlich abgeklärt.

Wie stark wirkt Training tatsächlich?

In einer der größten Übersichtsarbeiten des Feldes mit zweihundertneunundvierzig Studien war Training gegenüber keiner Behandlung beim Schmerz klar überlegen, bei der Alltagsfunktion fiel der Unterschied dagegen unter die vorher festgelegte Bedeutsamkeitsschwelle. Gegenüber anderen konservativen Verfahren war der Vorsprung klein. Training ist damit wirksam, aber kein Wundermittel. Sein eigentlicher Vorteil liegt darin, dass es gleichzeitig Kraft, Ausdauer, Stoffwechsel und Schlaf verbessert und kaum Nebenwirkungen hat.

Warum aus akutem Schmerz chronischer wird

Bei anhaltendem Schmerz verändert sich die Verarbeitung selbst. In der Peripherie senken Entzündungsstoffe die Reizschwelle der Nozizeptoren. Im Rückenmark wird die Verschaltung empfindlicher, die Antwort auf gleichbleibende Reize wächst, und Gliazellen halten diesen Zustand aufrecht. Klinisch zeigt sich das als übermäßiger Schmerz auf schmerzhafte Reize, als Schmerz auf eigentlich harmlose Reize und als ein Beschwerdebild, das sich ausbreitet und unschärfer wird. Gleichzeitig verfügt der Körper über ein absteigendes Hemmsystem, das aus dem Hirnstamm heraus die Weiterleitung im Rückenmark dämpft. Dieses System arbeitet zustandsabhängig — Schlafmangel, Dauerstress und eine bedrohliche Deutung der eigenen Beschwerden schwächen es.

Bedingungen statt Ursache

Bei chronischem Schmerz existiert häufig keine einzelne auffindbare Ursache mehr. Wer trotzdem verspricht, sie zu finden, verspricht zu viel. Sinnvoller ist der Blick auf die Bedingungen, unter denen das System lauter oder leiser wird: Schlaf, Belastungsdosis, körperliche Kapazität, Stresslast und das Wissen über die eigenen Beschwerden. Diese Größen sind veränderbar, und genau daran arbeiten wir im Personal Training in Hamburg — mit dosierter Belastung statt Schonung, mit Progression über Wochen statt über Tage und mit einer ehrlichen Einordnung dessen, was Training leisten kann und was nicht.

Was das im Training konkret heißt

Am Anfang steht die Einordnung: Warnzeichen ausschließen, dann einschätzen, welcher Mechanismus überwiegt. Danach folgt die Dosierung. Als Faustregel arbeiten wir mit einer einfachen Ampel: Beschwerden bis etwa drei von zehn während der Belastung sind unbedenklich, vier bis fünf sind vertretbar, sofern sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden auf das Ausgangsniveau zurückgehen, darüber wird die Dosis reduziert — nicht die Übung gestrichen. Kurzfristig entlastende Maßnahmen wie Massage oder manuelle Therapie haben dabei ihren Platz: Sie öffnen ein Fenster, in dem Bewegung wieder möglich wird. Genutzt werden muss dieses Fenster trotzdem.

Quellen & Belege

01 · Brinjikji W et al. (2015): Systematic Literature Review of Imaging Features of Spinal Degeneration in Asymptomatic Populations. AJNR 36(4):811–816.

https://doi.org/10.3174/ajnr.A4173

02 · Brinjikji W et al. (2015): MRI Findings of Disc Degeneration are More Prevalent in Adults with Low Back Pain than in Asymptomatic Controls. AJNR 36(12):2394–2399.

https://doi.org/10.3174/ajnr.A4498

03 · Tempelhof S, Rupp S, Seil R (1999): Age-related prevalence of rotator cuff tears in asymptomatic shoulders. JSES 8(4):296–299.

https://doi.org/10.1016/S1058-2746(99)90148-9

04 · Yamamoto A et al. (2010): Prevalence of symptomatic and asymptomatic rotator cuff tears in the general population. JSES 19(1):116–120.

https://doi.org/10.1016/j.jse.2009.04.006

05 · Jacobs JC et al. (2020): Observational Study of the Downstream Consequences of Inappropriate MRI of the Lumbar Spine. J Gen Intern Med 35(12):3605–3612.

https://doi.org/10.1007/s11606-020-06181-7

06 · Dahm KT et al. (2010): Advice to rest in bed versus advice to stay active for acute low-back pain and sciatica. Cochrane Database Syst Rev, CD007612.

https://doi.org/10.1002/14651858.CD007612.pub2

07 · Hayden JA et al. (2021): Exercise therapy for chronic low back pain. Cochrane Database Syst Rev, CD009790.

https://doi.org/10.1002/14651858.CD009790.pub2

08 · Kosek E et al. (2021): Chronic nociplastic pain affecting the musculoskeletal system: clinical criteria and grading system. PAIN 162(11):2629–2634.

https://doi.org/10.1097/j.pain.0000000000002324

09 · Raja SN et al. (2020): The revised IASP definition of pain. PAIN 161(9):1976–1982.

https://doi.org/10.1097/j.pain.0000000000001939

10 · Finan PH, Goodin BR, Smith MT (2013): The association of sleep and pain: an update and a path forward. J Pain 14(12):1539–1552.

https://doi.org/10.1016/j.jpain.2013.08.007

11 · Aili K et al. (2015): Sleep disturbances predict future sickness absence and onset of multi-site pain. Eur J Pain 19(3):341–349.

https://doi.org/10.1002/ejp.618

12 · Nijs J, Kosek E et al. (2023): Nociplastic pain and central sensitization in patients with chronic pain conditions: a terminology update for clinicians. Braz J Phys Ther 27(3):100518.

https://doi.org/10.1016/j.bjpt.2023.100518

13 · Silbernagel KG et al. (2007): Continued sports activity, using a pain-monitoring model, during rehabilitation in patients with Achilles tendinopathy. Am J Sports Med 35(6):897–906.